Der Ernst des Lebens

Der Ernst des Lebens

Es gibt da so ein Thema, das mir seit vielen Jahren unter den Fingernägeln brennt. Es treibt mich an. Es gibt mir den wichtigsten Grund in der Früh aus dem Bett aufzustehen (gleich nach der Tatsache, dass ich aufs Klo muss). Es gibt mir schlicht und ergreifend einen Sinn. Die Frage: Wie gelingt es, das Beste aus seinen persönlichen Fähigkeiten zu machen? Was braucht ein Mensch, damit er sein volles Potenzial entfalten kann?

Apropos Fähigkeiten. Im Grunde genommen ist es schon etwas grotesk, dass ich hier gerade dabei bin, eine Kolumne über diese Thematik zu schreiben. Hat mir doch in der neunten Klasse eine etwas missmutige Deutschlehrerin vor versammelter Klasse meine Note für den Jahrgangsstufentest mit einem leicht sarkastischem Unterton prophezeit: „Ach Florian, ich glaub ein Fünfer wird’s schon werden.“ Nein, ich nehme es dieser Frau nicht übel. Ok, um wirklich ganz ehrlich zu sein: es hat mich schon sehr verletzt, vor allen Klassenkameraden auf diese Weise gedemütigt zu werden. Aber wer weiß, vielleicht hatte sie einfach nur einen schlechten Tag. Vielleicht ist ihr Goldfisch am Vortag auf tragische Weise ertrunken oder vielleicht hat es einfach nur ihren geistigen Horizont überstiegen, dass sich ein literarisches Talent nicht unbedingt nur dadurch auszeichnet, dass man ein Gedicht interpretieren kann. Unabhängig davon: woher soll ich denn wissen, was sich damals irgendein Möchtegern-Grieche auf dem Forum Romanum…ähm Moment, das war wo anders…ach egal (Anmerkung an meinen Lateinlehrer: Lieber Herr Schneider, auch wenn es so aussieht, es war nicht alles umsonst). Woher soll ich wissen, was sich dieser Grieche bei seinem Gedicht gedacht haben soll? Unter uns: ich glaube ja, dass die das damals manchmal selbst nicht wussten. Vielleicht war ihnen einfach nur extrem fad. Mist, ich schweife vom Thema ab. „Vom Thema abschweifen“ war schon früher übrigens eine meiner ganz großen Stärken, was allerdings in einer Deutschschulaufgabe nur bedingt erfolgsversprechend ist. Für das kreative Denken ist es jedoch sehr förderlich. Ähnlich gut war ich übrigens auch darin, meinen Mitschülern spannende Geschichten zu erzählen, was mit dem klassischen Unterricht auch nicht so ganz kompatibel war. Für meine heutigen Vorträge ist diese Fähigkeit jedoch sehr wertvoll.

Aber wer braucht heutzutage schon noch solche Fähigkeiten? Man muss für das Gesellschaftssystem funktionieren und genau das sollen die Kinder schon möglichst früh lernen. Aus diesem Grund gibt man dem kleinen Justin-Pascal-Leopold Huber zum Schulstart einen ganz besonderen Satz mit auf den Weg: „So mein Kleiner, jetzt beginnt der Ernst des Lebens“. Ein Satz, der für ihn so unglaublich wichtig und prägend ist. Nein, vielmehr noch. Er ist richtungsweisend! Er vereint die neuesten pädagogischen Ansätze mit den aktuellsten gesellschaftlichen Anforderungen. Im ersten Moment klingt dieser Satz vielleicht sehr trivial und abgegriffen, doch in ihm steckt eine tiefe Wahrheit. Es ist ein Satz von der pädagogischen Qualität und Reichweite einer saftigen „Watschn“. Mit der Formulierung „mein Kleiner“ erfährt der 6 Jahre alte hochbegabte Justin-Pascal-Leopold zum ersten Mal in seinem Leben, dass sein Name doch nicht „NEIN!“ ist. Und „der Ernst des Lebens“ macht unmissverständlich klar, dass 6 Jahre Kindheit vollkommend ausreichend waren und er jetzt mit all den neuen Anforderungen auf sich allein gestellt ist. Schließlich müssen Mama und Papa weiterhin mit Hochdruck an der eigenen Karriere arbeiten.

Gerüstet mit einer bis zum Rand gefüllten Schultüte mit laktosefreien Kinderriegeln, glutenfreien Vollkornhaferkeksen und veganen Gummibärchen wird Justin-Pascal-Leopold auf diese waghalsige Reise geschickt. Schließlich wollen die Eltern nur das Beste für ihn! In den folgenden 16 Jahren wird er 13 Schulklassen durchlaufen, fünf Fremdsprachen erlernen, zwei Psychotherapien über sich ergehen lassen, von diversen Menschen zurechtgeschnitzt werden und am Ende wird er gefestigt wie ein Fähnchen im Wind mit beiden Beinen fest neben seinem Leben stehen. Da Fremdsprachen, mathematische Formeln und Gedichtinterpretationen natürlich im Vordergrund standen, blieb leider nur noch sehr bedingt Zeit, um mit Freunden die Welt zu entdecken oder um eine starke, selbstbewusste und selbstbestimmte Persönlichkeit zu entwickeln. Aber hey, für was braucht er das schon? Justin-Pascal-Leopold kann Gedichte in fünf verschiedenen Sprachen interpretieren.

In der Zwischenzeit ist die Familie drei Mal umgezogen und hat sich vor einigen Jahren den Traum von einem kleinen hippen Reihenhaus erfüllt, das sie für die nächsten 35 Jahre abbezahlen wird, aber nicht mehr kann, weil die Immobilienblase nun endlich geplatzt ist. Nach einem Burnout, zwei Herzinfarkten und einer Depression stellen sich beim Vater nun langsam auch noch die ersten Zeichen einer Midlife-Crisis ein. Er fängt an zu verstehen, dass das Hamsterrad der letzten 30 Jahre nur von innen ausgesehen hat wie die Karriereleiter. Die Mutter versucht verzweifelt zu retten, was noch zu retten ist und muss dabei mit Erschrecken feststellen, dass es für Erziehung, Liebe und Fürsorge doch keine App gibt. Mit Fug und Recht könnte man behaupten und es wäre kein Stück übertrieben: „JETZT beginnt der Ernst des Lebens!“

Vielleicht wäre es besser für die Entwicklung von Justin-Pascal-Leopold gewesen, wenn er ein paar Mal öfter mit seinen Freunden hätte im Dreck spielen dürfen? Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn er sich nach seinen eigenen Stärken und nicht nach den Vorstellungen anderer hätte entwickeln dürfen? Vielleicht wären Liebe, Anerkennung und Zeit mit seinen Liebsten alles gewesen, damit er sich auf SEINE ganz eigene Weise hätte entwickeln können. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn die Verantwortlichen einmal das Gedicht „Sehnsucht“ von Johann Wolfgang von Goethe interpretiert hätten. „Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide. Allein und abgetrennt von aller Freude, seh‘ ich ans Firmament nach jener Seite. Ach! Der mich liebt und kennt, ist in der Weite. Es schwindelt mir, es brennt mein Eingeweide, nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide.“ Dann hätten sie vielleicht erahnen können, welche Sehnsüchte in diesem Kind wirklich brannten. Aber am Ende bleibt nur die Weisheit eines großen deutschen Fußball-Philosophen: „Wäre wäre Fahrradkette.“

Liebe Leserinnen, liebe Leser, ich bin mir manchmal nicht ganz so sicher, ob wir das Leben nicht zu ernst nehmen. Zugegeben, hin und wieder macht es mir sogar Angst. Aber wenn ich dann in meiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Rahmen der Projekte des SV ZUKUNFT sehe, wie unglaublich schnell sie sich entwickeln, wenn man sie einfach nur lässt und hinter ihnen steht, dann gibt mir das Hoffnung. Und vielleicht, ja vielleicht ist es genau diese Hoffnung, die uns die Gelassenheit gibt, dem Ernst des Lebens mit etwas mehr Spaß und Leichtigkeit zu begegnen.

In diesem Sinne möchte ich es hier gerne mit Erich Kästner halten: „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit.“

Herzlichst Ihr Florian Wildgruber

28.06.2018

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