Entspannung? Nichts für mich!

Liebe Leserinnen, liebe Leser, die Sommerpause ist endlich vorbei – Zeit, wieder Vollgas zu geben! Es gibt ja Leute, die behaupten, ich solle mir mehr Entspannungsphasen gönnen. Aber wozu? Ich bin doch nicht auf diesem Planeten, um auf der faulen Haut zu liegen. Ruhe gibt’s im Holzkistl später noch genug!

Entspannung und ich – das ist ungefähr so kompatibel wie Feuer und Wasser. Während meines Studiums musste ich mal an einem Entspannungskurs teilnehmen. Eine ganze Stunde „Atmen Sie tief durch… Spannen Sie Ihr rechtes Bein an… Entspannen Sie es wieder…“ Pure Folter! Wenn ich tief ein- und ausatmen will, dann beim Laufen!

Aber ich bin ja offen für Neues. Vor kurzem las ich, dass Wandern angeblich total entspannend für Körper und Geist sei. Gehen, nicht Laufen. Klingt verrückt! Und als mir eine Freundin erzählte, dass sie mit drei anderen Frauen einen 100-Kilometer-Marsch plant und zur Vorbereitung den Starnberger See umrunden will, sah ich meine Chance: Perfekter Selbstversuch!

Also dachte ich mir: Warum nicht? Entspannt marschieren, die Natur genießen – kein Laufen, kein Stress. Klingt nach der perfekten Entschleunigung. Oder?

Wenn vier Mädels wandern – und ich mittendrin

Zwei Wochen später, pünktlich um 19 Uhr, stehe ich mit den Mädels auf einem Parkplatz am Starnberger See. Nachtwanderung! Da mir das Ganze zu gemütlich erscheint, schnalle ich mir einen Rucksack mit 20 kg Marschgepäck auf den Rücken – Herausforderung muss sein.

Meine erste Vermutung, dass diese Tour eher entspannt ablaufen wird, bestätigt sich direkt am Start: Die Mädels eröffnen den Marsch mit einem kleinen Prosecco aus der Dose. Okay, cool bleiben. Wird schon.

Eine Stunde später – erst 4 Kilometer geschafft! Ich könnte heulen. In dieser Zeit laufe ich normalerweise einen soliden Zehner. Aber zwei Mal verlaufen (wohlgemerkt, es geht nur um den See herum!) und eine ausgedehnte Pipipause bremsen uns aus. Willkommen in der Geduldsprobe meines Lebens.

Ein Marathon? Easy. Ein Ironman? Lächerlich. Wandern mit vier Mädels? Folter pur. Ich versuche, mich mental zu sammeln. Sogar der Dalai Lama sagt: „Um Geduld zu lernen, brauchst du einen Gegner.“ Tja, ich hatte gleich vier!

Der „Ist-mir-alles-scheißegal“-Modus setzt ein

Nach einigen Stunden stellt sich eine seltsame Veränderung ein. Ich werde… ruhig. Der Rhythmus des Gehens, die monotone Bewegung – es passiert einfach. Ich bin entspannt. Oder eher: Ich bin in einem Zustand völliger Gleichgültigkeit angekommen.

Ich bemerke, dass wir plötzlich wieder an einer Burg vorbeikommen. Vorhin sind wir da vorne vorbeigelaufen – jetzt von hinten. „Mädels, ich will ja nicht klugscheißern, aber irgendwie laufen wir im Kreis…“ Früher wäre ich eskaliert. Heute? Ich atme einfach.

Stunden vergehen. Die Gespräche werden tiefer, die Pausen häufiger. Prosecco und Frauengespräche – ich bin mental woanders. Irgendwann packt mich doch die Unruhe und ich versuche, die Situation mit Liegestützen zu retten. Die Reaktion? „Du bist doch verrückt!“ Danke, wusste ich schon. Aber hey, verrückt ist gut!

Wenn 7 Kilometer länger als ein Marathon sind

Gegen 1 Uhr morgens habe ich 30 Kilometer in den Beinen. Mein Gepäck fühlt sich mittlerweile an wie Blei. Selbstverständlich kann ich mir als einziger Mann in der Gruppe keine Schwäche anmerken lassen. Also beiße ich die Zähne zusammen. „Ist ja nur bissl Wandern…“

Aber irgendwann verstummen selbst die Mädels. Jetzt mache ich mir langsam Sorgen.

Dann kommt der Moment der Wahrheit. Wir haben 45 von 52 Kilometern geschafft. Ich will die Motivation oben halten: „Hey Mädels, nur noch 7 Kilometer! Gleich haben wir’s!“

Berühmte letzte Worte.

Diese letzten Kilometer ziehen sich wie Kaugummi. Mein Rucksack fühlt sich dreimal so schwer an. Meine Beine – zwei schwere Betonklötze. Mein innerer Löwe? Eher Garfield nach einer Lasagne-Überdosis.

Und dann, als Höhepunkt, kommt uns ein etwa 70-jähriger Jogger entgegen. Ich starre ihn nur fassungslos an. Der Mann trabt locker vorbei, während ich mir nichts mehr wünsche, als in diesem Tempo laufen zu können.

Der Sonnenaufgang – und die Erkenntnis des Tages

Dann passiert es. Ich blicke über meine Schulter und sehe, wie die ersten Sonnenstrahlen den Nebel auf dem See durchbrechen. Die Wärme auf meiner Haut. Die Stille. Das Gefühl, angekommen zu sein.

DAS ist Entspannung.

Gegen 6:30 Uhr erreichen wir tatsächlich unseren Ausgangspunkt. 52 Kilometer, unzählige Prosecco-Pausen und mehrere Extrarunden später. Ich bin völlig erledigt – und grinse trotzdem zufrieden. Ich habe es überlebt.

Fazit? Ich hätte nie gedacht, dass Entspannung so anstrengend sein kann.

Und die Moral von der Geschichte:

Lauf lieber, dann entspannst du dich!